I. G.F. - Leitung, Regie, Choreografie - Der Entstehungsprozess

Von John Mawurndjul über Felicitas Goodman zum Friedenstanz in Inzmühlen

Ich wollte ein Stück machen im Dialog mit anderen Wirklichkeiten und damit unbewusst wirkende Räume und Zeiten einer Performance ins Bewusstsein der Performenden und der Zuschauer rücken. (2) Das zunächst einmal nicht Offensichtliche, das eine große Wirkung auf die Performancearbeit ausüben kann, sollte in den Mittelpunkt des tänzerischen Dialogs auf der Bühne gestellt werden. Wie konnte das gelingen?

“Das Sichtbare braucht das Unsichtbare um von ihm aus erkannt zu werden”
, sagt Ingeborg Bachmann. Diesem Unsichtbaren auf der Spur reisten wir als Tanzcompagnie im Sommer 06 mit der Heidebahn von Inzmühlen ins Sprengelmuseum nach Hannover und studierten in einer öffentlichen Tanzwerkstatt an einem Sonntagnachmittag das Sichtbare und Unsichtbare in den Rindenbildern von John Mawurndjul, einem weltbekannten bildenden Künstler aus Arnhemland, Australien. John Mawurndjul ist ein Mensch, der tief in der spirituellen Tradition seines Landes verwurzelt ist, der in geheime Riten zur Erhaltung des Dreamings seines Volkes eingeweiht ist und der seine Bilder aus dieser spirituellen Verbundenheit heraus malt und gleichzeitig große Anerkennung auf dem internationalen Kunstmarkt gefunden hat. (3)

Die Tanzerfahrungen, die wir auf unserer Bahnreise ins Sprengelmuseum sammeln konnten, (4) nahmen wir mitten hinein in die erste Probe zum Friedenstanz, die ganz dem Kontakt mit der anderen Wirklichkeit gewidmet war.


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Wir machten eine Trancehaltung der Sami Schamanen und reisten auf dem Bauch liegend, eine symbolische Trommel im Rücken, mit der Frage nach der Gestaltung einer Tanzperformance, im Dialog mit den Geistern in andere Wirklichkeiten. Jede TÄ brachte von dieser Reise äußerst spannende Erlebnisse und Erfahrungen mit (5), die untereinander ausgetauscht wurden und erst in der Gesamtschau fügte sich dann aus den einzelnen Reiseberichten die Geschichte des Friedenstanzes zusammen (6), der dann ein Jahr später in Inzmühlen Premiere haben sollte. Dieser Prozess dauerte über ein Jahr.

In diesem Jahr reisten wir noch öfter mit Trancehaltungen der Kulturanthropologin Dr. Felicitas Goodman in andere Wirklichkeiten, besonders wenn es um Bewegungen ging, die nicht klar waren. (7) Dabei entstand ein reichhaltiger Dialog zwischen dieser und anderen Wirklichkeiten. Das führte dazu, dass den TÄ das Ritual des Türenöffnens und -schließens allmählich vertraut wurde und die Feinheiten der Friedensbotschaften immer deutlicher zu Tage treten konnten. Es war nicht immer leicht, die Übersetzungs- und Übertragungsarbeit zu leisten, die dieses Experiment zwischen den Wirklichkeiten erforderte.

Barbara Martini: “Am 26. Mai 2007, dem Vorabend der Performance Friedenstanz, machen wir eine Haltung nach Felicitas Goodman, Das Rufen der Geister. (8) Mit ins Ritual einbezogen sind alle Masken, Kleider, Klangwesen und vieles mehr, das uns in unserem Friedenstanz morgen begleiten wird. Während meiner Haltung sehe ich ein weißes Fischskelett. Ruhe und Frieden ist eingekehrt - nach vielen Wochen und Tagen intensiver Arbeit.”

Aber, wie soll die Friedensbotschaft des Wassers, von Ilona Herzog, (9) die im Körper so gut zu spüren war, nun auf der Bühne in einen gemeinsamen Raum mit den Zuschauern gebracht und erfahrbar gemacht werden? Wie, das Pumpen der Wasserbewegung in den alten Eichen, die um den Tanzplatz gruppiert sind, in Dialog mit den Fließbewegungen des Zellwassers der Zuschauer treten?

Performance ist eine Kunst, die reale Ereignisse und reale Begebenheiten auf die Bühne bringt und mit unmittelbaren Kräften arbeitet. Manche Friedensbotschaft in der anderen Wirklichkeit konnte sich deshalb erst im gemeinsamen Raum mit den Zuschauern verwirklichen, wie das Netz, das Miranda Welter auf ihrer Reise erlebt hatte. (10)

Die Musik kam über eine Reise zum Silvesterclausen nach Appenzell in den Friedenstanz. Hier begegnete die Tänzerin und Musikerin Stefka Weiland alpenländischen Jodelgesängen, die an Berggeister erinnern, die alljährlich die Verbindung zwischen der Wirklichkeit der Bergdörfer und ihren Bewohnern und der Kräfte des mächtigen Säntis ins Bewusstsein bringen. Die Vocalarbeit, die Stefka Weiland bis da hin mit der Gruppe gemacht hatte, bekam durch diese Reise in die Wirklichkeit der Appenzeller Bergwelt eine neue Dimension. (11)

Stefka Weiland lud im Dialog mit den Performenden als Musikerin und Vocalkünstlerin, mit Stimme und Instrumenten, zu einer Reise rund um den Globus ein. Mongolische Klangwelten mischten sich mit alpenländischen Jauchzern und dem anrührenden Joinken der Sami. Die Begegnung von Musik und Tanz in der Performance öffnete erneut Räume und veränderte den Friedenstanz.

Im Proben begannen allmählich die Einzelerfahrungen der Performenden ineinander zu wirken. Kleinste Bewegungen der Wirbelsäule, die in der anderen Wirklichkeit eine enorme Bedeutung hatten, wirkten auf der Bühne überhaupt nicht. Zum Glück waren wir im Winter in New Mexico und hatten uns dort mit dem Werk Georgia O`Keeffes auseinandergesetzt. (12)

Die Gruppe begann zusammen zu arbeiten, wo vorher ein Körper stand, waren nun zehn Körper auf der Bühne, die Wirbelsäulenbewegung war vergrößert und begann zu wirken. Ein großes Zusammenspiel setzte ein, der Dialog mit der anderen Wirklichkeit brachte den Dialog unter den Performenden in Gang und dabei kam immer wieder die Frage: Was hat das, was wir hier tun, mit Frieden zu tun? (13)

Dass es etwas mit Frieden zu tun hatte, war unbestritten, doch diese Art der Friedensarbeit war ungewohnt. Keine Friedensdemo, keine Plakate oder Reden. Hier ging es um die ernsthafte Arbeit an sich selbst. Dieses Erlangen von Körperfrieden und ein Hineintragen, besser Hineinfließen, in den familiären und damit gesellschaftlichen Raum. Frieden als soziale Skulptur, nicht außerhalb sondern innerhalb des Körpers.

Das Thema Wasser trat gewaltig hervor. (14) Tiere tauchten auf. Karpfen, Fische, Schildkröten (15) und gleichzeitig Kriegserinnerungen und Todeserfahrungen. Neue Dimensionen der Traumabewältigung. Ein anderer Umgang mit der eigenen Lebensgeschichte aus den realen Energien in der Performancearbeit, aus dem Dialog mit den unterschiedlichen Wirklichkeiten jeder einzelnen Tänzerin. Ein großer Schmelztiegel entstand, während wir draußen unter dem blauen Himmel, in der ersten Frühlingssonne auf dem alten Tanzplatz unter den Eichen der Tanzheimat probten.

Heraus aus dem Tanzraum öffnete sich uns die Natur. Die Weite eines strahlend blauen Himmels, die knospenden Bäume, die Stimmen der Vögel, die wärmende Sonne. Ein Raum, der uns begeisterte und in seinen Bann zog, aber auch neue Herausforderungen mit sich brachte. Ein riesiges Spielfeld für unseren Tanz. Die Tänzerinnen begannen sich einzurichten. Knochen wurden verteilt. Das Wasser wollte inszeniert sein und wie geht es mit dem Kanu auf der Wiese? Nehmen wir einfach Stühle? Bis dann ein knallrotes Kanu da steht, ist es ein weiter Weg.

Das Wasser kam dann bei der Premiere ganz von selbst vom Himmel und am Ende noch in Form von dicken, großen Hagelkörnern, die uns in die nun ungewohnte Enge des Tanzhauses zwang. Mit den vielen Zuschauern zusammen gelang uns das Kunststück, die Weite des Himmels mit hinein zu nehmen in die vier Wände der alten Rauchkate einer armen Heidjer Bauernfamilie. Die verschiedenen Räume der Probenarbeiten zum Friedenstanz traten bei der Premiere miteinander in Dialog und veränderten den Bühnenraum auf ihre Art. Ein beeindruckendes Schauspiel, das sich in den Fotos von Malgorzata Pastian, die während der Performance entstanden sind, widerspiegelt. (16)

Nach der Performance war mir klar, das war erst der Anfang. Der Anfang einer Verbindung von spirituellen Welten mit der Bühnenarbeit Dancing Dialogue®. (17) Diese Form des Friedenstanzes wird sich und mich weiter bewegen. Jeder neue Performanceraum wird den Tanz verändern. Jeder neu hinzukommende Erfahrungsraum der Zuschauer oder der Performenden oder von meiner Seite, wird sich in der Performance ausdrücken und den Dialog mit der anderen Wirklichkeit in ein neues Licht rücken. Kein Dialog gleicht dem anderen. Dancing Dialog® ist keine Konzeptkunst.

Hier hatten wir ein ganzes Orchester an Räumen in Bewegung versetzt. Das Wort Übergänge kommt mir in den Sinn. Verbindungswege zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Ein Netz an Wirkungen und Zusammenhängen. Wege, wo es doch keine Wege gibt, sondern nur das Tanzen. Kurz vor der Premiere höre ich im Auto eine Radiosendung des NDR “Der Krieg gebiert den Krieg” (18). Darin wird auf die Kriegstraumatisierung der Deutschen hingewiesen. Seit dem 30jährigen Krieg keine Generation ohne Kriegserfahrungen. Erst mit meiner Generation setzt ein länger andauernder Frieden in Deutschland ein. 400 Jahre Krieg. Was macht das mit Menschen? Und führen wir heute eigentlich nicht schon wieder Krieg? Die Briefmarke der Post - Bertha von Suttner, Die Waffen nieder, 55 Cent ist aktueller denn je, denke ich an die Kriegsschauplätze, an denen deutsche Soldaten in diesem Augenblick stehen, verletzt werden, sterben.

Notwendig scheint mir, mit dieser Tanzarbeit herauszutreten, in bestehende Konfliktsituationen hineinzugehen und den Bewegungen einer gewaltfreien Konfliktlösung eine Chance zu geben durch den Tanz. (19) G.F.